Geschichtliches

 

Chronik des CSD Regensburg   |   Die Entstehung des Christopher Street Days

 

Die Entstehung des Christopher Street Days
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Teil 2 - Die Christopher Street in New York City

In den USA hatten sich in den Fünfzigern und Sechzigern jahrelang ehrenwerte Damen und Herren in wohlanständiger Weise für die Belange der Homophilen eingesetzt. Das Wort homosexuell kam ihnen nicht über die Lippen, weil es zu deutlich klarmachte, daß es dabei um sexuelles Verhalten ging. Und von dem Geruch des Sexuellen wollte man wegkommen, sich als der liebe Nächste präsentieren, der nur halt ein ganz klein wenig anders liebt, aber sonst braver Amerikaner ist. Bittschriften an die Regierung und Privatgespräche mit Politikern sollten etwas ändern an der miesen Situation, in der die meisten amerikanischen Lesben und Schwulen leben müssen. Das Ergebnis ist gleich null. Die betulichen Aktivitäten der Mattachine Society (Schwule) und der Daughters of Bilitis (Lesben) bewirken kaum etwas.

In den USA ist Mitte der sechziger Jahre mit Studentenrevolte und Anti-Vietnamkrieg-Bewegung ein neuer politischer Stil ausgebrochen: riesige Demonstrationen für Frieden und Freiheit, gewalttätige Aktionen gegen Polizeiwillkür und Machtmißbrauch von Politikern, Diskussionen an den Universitäten, Kampf der Schwarzen gegen ihre Unterdrückung. Diese beeindruckt offenbar etliche Homosexuelle derart, daß sie zum erstenmal entschieden zurückschlagen.

Wir schreiben den 28. Juni 1969, frühmorgens. Ort: New York, Christopher Street. In der Bar Stonewall Innherrscht das übliche Gedränge:

Vorwiegend junge Homosexuelle, die nicht in die feineren Schwulenbars reingelassen werden, viele Tunten und Fummeltrinen (Männer in Frauenkleidern), die ebenfalls nur hier geduldet sind. Außerdem eine Menge obdachloser Jugendlicher, welche sich mit drei Dollar Eintritt für eine Nacht ein Dach über dem Kopf erkaufen. Es ist kurz nach Mitternacht. Plötzlich quietschen Bremsen vor der Tür, Polizisten springen aus ihren Wagen und stürmen in das Stonewall Inn. Der einzige Ausgang wird besetzt, Ausweise werden kontrolliert - eine Razzia wie so viele, die alltäglich stattfinden. Normalerweise verdrücken sich die Barbesucher bei solchen Überfällen schleunigst. Doch diesmal kommt es anders! Während nach und nach die gefilzten Schwulen aus der Bar kommen, sammelt sich eine Menge auf der Straße. Einzelne mutige Tunten - immer dankbar für großes Publikum - erklimmen Treppenabsätze und Laternenpfähle: „Hallo Leute, kommt rüber, hier gibt's mal wieder richtige Kerle zu sehen!“

Die Christopher Street ist eine stark von Schwulen und Lesben besuchte Gegend, und so wächst die Menge rasch an. Alle wollen sehen, was da passiert. Vereinzelt sind Rufe zu hören: „Bullen raus!“, aber sonst ist die Stimmung noch allgemein friedlich. Auf einmal jagen drei weitere Polizeiautos und ein Mannschaftswagen herbei, stoppen inmitten der Menge, Uniformierte springen heraus, greifen sich fünf Leute und stoßen sie in den Mannschaftswagen. Schlagartig verwandelt sich die Stimmung. Pfiffe gellen durch die Straßen, die Menschenmenge umringt die Wagen, versucht die Verhafteten zu befreien. Die Polizisten, völlig verblüfft angesichts des Widerstandes, verlieren die Fassung, flüchten in die Wagen und preschen davon. Inzwischen befinden sich etwa vier- bis fünfhundert Schwule und Lesben auf der Straße vor dem Stonewall Inn. Polizisten machen einen erneuten Versuch, sich durchzusetzen und schnappen sich eine Lesbe. Als diese sich verzweifelt wehrt, schmeißt sich ein besonders fetter Polizeibeamter auf die am Boden liegende Frau. Ihre Schreie lassen die Wut der Umherstehenden noch mehr wachsen. Es wird versucht, den Polizisten wegzuziehen und die Lesbe zu befreien. Flaschen fliegen und Steine. Das Stonewall ist unterdessen leer geworden, und die von der Wucht des Angriffs überraschten Polizisten ziehen sich dorthin zurück. Die schwere Tür wird geschlossen und verbarrikadiert. Draußen steigt der Zorn der Menge. An den Fenstern der Bar wird gerüttelt, und Ziegelsteine fliegen gegen die Tür. Jahre- und jahrzehntelange Demütigungen und Beschimpfungen zeigen ihre Auswirkung: wer lange getreten wird, tritt eines Tages zurück.

Auf der Straße vor der Bar setzt sich immer mehr der Gedanke durch: Jetzt ist Schluß. Wir haben es satt. Wir müssen uns wehren! Jemand greift sich einen Mülleimer und schleudert ihn gegen ein Fenster des Stonewall Inn. Es zerbricht mit einem hellen Klirren. Ein paar machen sich an Parkuhren zu schaffen und versuchen, sie aus der Verankerung zu lösen. Bei einer Uhr gelingt es, und das Ding wird als Rammbock benutzt, um die Tür einzudrücken. „Stürmt das Stonewall!“ schallt es vielstimmig über den Platz.

Dem konzentrierten Ansturm kann die altersschwache Tür nicht standhalten - sie wird aufgestoßen. Drinnen drohen die Polizisten mit der Waffe in der Hand: „Wir knallen den ersten motherfucker ab, der durch die Tür kommt!“ Jedoch macht sich nach dieser Ankündigung nicht Angst breit, sondern ein Sturm der Empörung bricht aus. „Benzin her! Röstet die Bullen!“, schreien welche, und tatsächlich treibt jemand einen Benzinkanister auf. Die Flüssigkeit wird durch das eingeschlagene Fenster ins Innere des Stonewall Inn geschüttet und angezündet. Gierig fressen sich die Flammen voran. In das Knistern des Feuers mischen sich von ferne die Sirenen einer nahenden Polizeiverstärkung. Blaulicht blitzt auf, und kurz darauf ist der Platz voll von wild um sich knüppelnden Polizisten. Die im Stonewall Inn Eingeschlossenen werden unversehrt geborgen, während die Demonstranten angesichts der großen Anzahl von Polizisten das Weite suchen.

Nur fünfundvierzig Minuten hat es gedauert, und doch wird diese dreiviertel Stunde zum Ausgangspunkt einer weltweiten Schwulen- und Lesbenbewegung. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Meldung: „Wir haben uns gewehrt! Gemeinsam sind wir stark!“ Ungläubiges Staunen steht den meisten Homosexuellen ins Gesicht geschrieben, als sie davon hören. Kann es wirklich wahr sein? Wir, die wir immer gekuscht haben, die selbst ihren offenen Feinden gegenüber stets ein „Tu-mir-nichts“-Lächeln präsentiert haben, wir prügeln uns mit Bullen? Nicht zu fassen! „Es wurde aber auch Zeit“ - das ist dennoch die durchgängige Meinung. Am nächsten Morgen und die ganze kommende Woche sammeln sich Schwule und Lesben in der Christopher Street und rufen: „Schluß mit der Unterdrückung! GAY POWER!“ (Gay = schwul bzw. lesbisch; power = Macht). Wieder und wieder gibt es Auseinandersetzungen mit der Polizei, bis diese mit massivem Aufgebot für Ruhe und Ordnung sorgt.